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31.08.2017

„So teuer kann sparen sein“ – Vorstellung einer Analyse für den Pharma-Standort Bayern


Gesundheitspolitische Spargesetze mit dem Ziel, die Ausgaben für Arzneimittel einzudämmen, haben negative Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Bayern: Jeder Euro Preissenkung steht in der Folge für 2,23 Euro, die der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung entzogen werden. Das führt nicht nur zu Arbeitsplatzverlusten, sondern behindert langfristig die Entwicklung innovativer Medikamente.

Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Die Entwicklung der Pharmazeutischen Industrie in Bayern – Standortanalyse 2015“ des BASYS-Instituts, Augsburg, die die Pharmainitiative Bayern (PIB) in Auftrag gegeben hat. Vorgestellt wurde die Studie am 13. Juli 2017 auf einer Veranstaltung der PIB und der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) in München.

Knapp 100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesundheitswesen folgten der Einladung in den Münchner Pschorr, um die Ergebnisse der Studie und die aktuelle Situation der Pharmazeutischen Industrie miteinander zu diskutieren. Nach einer Begrüßung von vbw-Geschäftsführer Ivor Parvanov hat Dr. Andreas Heigl, Mitglied im Lenkungskreis der PIB und Mitarbeiter bei GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, die Studie vorgestellt.

Er betonte: „Bayern hat als Pharma-Standort großes Potenzial. Schon heute leistet die pharmazeutische Industrie mit 4,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und rund 26.000 Arbeitsplätzen einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Bayerns. Dabei dominieren Produktion und Handel als die wichtigsten Segmente, aber Forschung und Entwicklung werden immer wichtiger. Im Vergleich zu anderen Bundesländern konnte Bayern seine Position in der klinischen Forschung verbessern; so gehört die Landeshauptstadt München zu den wichtigsten Zentren für klinische Forschung in Deutschland. Gemessen am Bevölkerungsanteil Bayerns ist die pharmazeutische Forschung aber ausbaubar“.

Markus Blume, MdL, stellvertretender Generalsekretär der CSU, richtete seinen Dank gezielt an die PIB, denn nur durch die vorgelegte Studie könne deutlich gemacht werden, welche Bedeutung und welches Potenzial die Pharmazeutische Industrie in Bayern haben. Er stellte in seinem Statement die Frage in den Mittelpunkt, wie Politik die Industrie weiter unterstützen könne. Standortqualität sei dabei mehr als nur Regulatorik, sie werde vielmehr durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Allen voran sei eine gute F&E-Infrastruktur zu nennen, über die Bayern z. B. mit den Universitätskliniken, dem Medical Valley und Biotech Campus sowie den Helmholtz- und Max-Planck-Instituten verfüge. Weiter sei eine steuerliche Forschungsförderung, die die Union auch in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben hat, notwendig. Schließlich brauche man eine Forschungsagenda an der Schnittstelle von Digitalisierung und Biotechnologie sowie ein gutes Klima zwischen Wirtschaft und Politik. „In Bayern sind Forscher Vorbild, nicht Feindbild!“ zitierte er Wirtschaftsministerin Aigner. Seine Schlussworte richtete er direkt an die Pharmazeutische Industrie: „Wir wissen, dass wir uns auf Sie verlassen können und Sie können sich auf uns verlassen! Ich darf an dieser Stelle die Abschlusserklärung des Bayerischen Pharma-Gipfels zitieren: Die Bayerische Staatsregierung hat das Ziel, den Standort Bayern für die Forschung und Produktion von Arzneimitteln zu stärken und die nachhaltige Arzneimittelversorgung zu sichern. Dazu soll der Bayerische Pharmagipfel einen wichtigen Beitrag leisten.“ In Bayern rede man eben miteinander und nicht übereinander.

Den Vorträgen schloss sich ein Couchgespräch zwischen Johannes Singhammer, MdB, Vizepräsident des Bundestags, und Han Steutel, Vorstandsvorsitzender des vfa, unter der Moderation von Dr. Markus Born, Geschäftsführer Bayerische Chemieverbände, an.

Singhammer, der 2013 mit Impulsgeber für eine erste Standortanalyse in Bayern war, lobte die PIB als eine der „bedeutendsten Initiativen der letzten Jahre“. Auf die Frage, welche Lehren er aus seinem jahrelangen Engagement in der Gesundheitspolitik gezogen habe, antwortete Singhammer, dass es wichtig sei, die richtige Balance zu wahren. Mit dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) habe man eine sinnvolle Erstattungsregulierung erreicht. Wenn die Regulierung allerdings zu weit ginge, müsse das AMNOG als lernendes System gesehen werden: „Ziel muss es sein, dass die besten und modernsten Medikamente zur Verfügung stehen. Hierfür brauchen wir keine Revolution mehr, sondern Evolution in der nächsten Wahlperiode.“

Han Steutel antwortete aus der Sicht der Industrie, dass das 2010 in Kraft getretene GKV-Änderungsgesetz sowie das AMNOG und die darin festgeschriebenen Preismoratorien bzw. Zwangsabschläge in den Bilanzen der pharmazeutischen Unternehmen tiefe Spuren hinterlassen haben. Die BASYS-Studie zeige, dass die Belastungen der Branche durch gesetzliche und vertragliche Rabatte sowie durch Abschreibungen seit 2009 stetig zunehmen. „Für uns als eine Branche, die sich das Ziel gesetzt hat, neue Arzneimitteltherapien zu entwickeln, ist das besonders fatal, denn Forschung und Entwicklung werden aus den laufenden Einnahmen der Unternehmen finanziert. Und milliardenschwere Belastungen lassen sich nur bedingt durch Produktivitätssteigerungen ausgleichen“, so Steutel. Viel zu viele Wirkstoffe gingen vom Markt; sie stehen den Patienten nicht mehr zur Verfügung, so der vfa-Vorsitzende. Singhammer betonte, dass hier die deutliche Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin entstünde: „Wenn EU-weit zugelassene Medikamente in Deutschland nicht verfügbar sind, holen diejenigen, die es sich leisten können, sich diese im Ausland. Das kann nicht sein!“

Den freundschaftlich geführten Diskurs zwischen Singhammer und Steutel schloss der Vizepräsident des Bundestags mit den Worten: „Wir brauchen für die nächste Wahlperiode eine klare Zielvorgabe, nämlich, dass Bayern die Apotheke für Deutschland werden muss!“

Ausblick: Die Ergebnisse der Studie werden in die Arbeit der Pharmainitiative Bayern einfließen und sollen so den guten und kontinuierlichen Dialog mit der Bayerischen Staatsregierung weiter aufrechterhalten.

Hier gelangen Sie zur Studie.